Vom Getreidehändler zum Malzproduzenten
Mit der primitiven Trommel kam jedoch die Idee auf, den Getreidehandel in eine Mälzerei umzuwandeln. Unter der Leitung von Johann Baptist veränderte sich der Betrieb in wenigen Jahren vollkommen.
Er heiratete, wurde Vater von zwei Söhnen und kaufte mitten in dieser hektischen Zeit mehrere große Grundstücke in Bamberg auf. Sein Schwager, der Architekt Gustav Haeberle, errichtete auf den Grundstücken eine erste richtige Malz-Produktionsanlage. Die Zeiten, in denen das Getreide in einer Trommel unter einer Zeltplane geröstet wurde, sollten ein für alle Mal vorbei sein!
Bamberg bekam dank Johann Baptist Weyermann 1888 die modernste Malzbrennerei ihrer Zeit. Die Bauarbeiten wurden dabei Jahr für Jahr erweitert. Es kamen neue Lagerhäuser und ein neues Kesselhaus hinzu. 1897 entstand die „Neue Farbmalzbrennerei“. 1904 entstand schließlich die große „Pneumatische Mälzerei“, die bis heute weithin sichtbar ist. Auch die Familie bekam in dieser Zeit neue Villen, und die Kaufleute der Firma wurden in einem neuen Bürogebäude untergebracht. Bei all dem vergaß die Familie Weyermann jedoch die Arbeiterschaft nicht. Es entstanden eine Küche und Kantinen für die Arbeiter, den Familien wurden sanitäre Einrichtungen zur Verfügung gestellt.
Sein Sohn Rudolf, der 1880 geboren wurde, ließ sich zwar zum Kaufmann ausbilden, machte aber auch an verschiedenen bayerischen Brauereien Praktika. Später studierte er dann auch noch Brauereiwissenschaften in Weihenstephan. Auch sein acht Jahre später geborene Bruder Carl interessierte sich das Bierbrauen. Er ließ die Kaufmannsausbildung ganz weg und studierte an der Brauerschule der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin.
Der wichtigste Meilenstein in dieser furiosen Zeit war jedoch die Entwicklung des Farbemalzes und des Farbebieres „Sinamar“ (von „sine amaro“, ohne Bitterkeit). 1902 ließ sich Johann Baptist das „Verfahren zur Herstellung geschmackloser Farbmalz-Abkochungen- und Maischen oder konzentrierter Extrakte aus Farbmalz zwecks Bereitung dunkler Biere und Färbebiere“ unter diesem Begriff patentieren. Am 16. Januar 1902 erhielt er das kaiserliche Patent. Johann Baptist war sich im Klaren darüber, was er da in seinen Forschungsräumen und Fabrikhallen entwickelt hatte und beantragte deshalb gleich das Patent für eine ganze Reihe von Ländern und erhielt es auch.
Die Industrialisierung des Mälzens
Mit der Einweihung der Pneumatischen Mälzerei 1904 wurde die Industrialisierung des Mälzens ganz gezielt eingeführt. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde das eingeweichte Getreide ausschließlich auf der Tenne ausgelegt. Eine Tenne ist ein großer, kühler und gut gelüfteter Raum. Das Getreide muss dort von Hand regelmäßig gewendet werden, damit eine gleichmäßige Keimung garantiert ist. Dieses Verfahren gibt es heute noch und wird immer noch von einigen, wenigen Brauereien angewandt.
In der Pneumatischen Mälzerei liegt das Getreide jedoch in Kästen oder Trommeln und wird automatisch gewendet. Der wichtige Vorgang des Trocknens und Keimens kann über Maschinen genau kontrolliert und eingestellt werden. Die Temperatur ist immer perfekt. Sie beginnt bei 10 Grad und wird langsam auf 18 Grad erhöht, bis sie am fünften und sechsten Tag 25 Grad erreicht. All das ist mit Maschinen und Geräten viel genauer zu regeln. In einer Tennen-Mälzerei ist dagegen der Vorgang vollkommen vom individuellen Wissen und guten Näschen der Mitarbeiter abhängig.
Die von Johann Baptiste entwickelte erste Pneumatische Mälzerei war damals so beeindruckend, dass ein Modell von ihr sogar im Deutschen Museum in München ausgestellt wurde. Leider wurde es durch eine Bombe im Zweiten Weltkrieg zerstört.
Die Familie Weyermann von der Industrialisierung bis heute
Die Familie Weyermann und ihre zukunftsträchtige Mälzerei wurden so bekannt, dass sich sogar königlicher Besuch einstellte. 1912 besuchte Prinz Ludwig, der spätere König Ludwig III. von Bayern, das Unternehmen. Rudolf Weyermann wurde zum Kommerzienrat ernannt und später Ausschussmitglied im Deutschen Museum. Die Firma gründete Zweigstellen in Potsdam und erweiterte sich ständig.
1929 konnte die Firma auf ein 50-jähriges Bestehen zurückblicken. Bereits zu diesem Zeitpunkt lieferte Weyermann Malz in dreißig Länder weltweit!
Die Zeiten des Zweiten Weltkriegs erschütterten auch die Familie. Ein Mitglied starb an der Front, der nationalsozialistische Geist machte sich breit. Die Anlagen in Potsdam wurden zerstört. Nach Kriegsende wurden die beiden Brüder Rudolf und Carl von der Geschäftsleitung suspendiert und mussten an der Entnazifizierung teilnehmen. Rudolf Weyermann starb schließlich 1946. Was den Brüdern damals vorgeworfen wurde, ist heute nicht mehr klar zu erkennen.
Erst mit der dritten Generation kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Ruhe in das Unternehmen ein, und Rudolfs und Carls Söhne Heinz und Rolf Weyermann konnten 1954 schließlich das 75. Firmenjubiläum ungetrübt feiern. Obwohl Heinz Weyermann bereits 1985 starb, bevor er seinen 60. Geburtstag feiern konnte, und das Unternehmen kurz ins Schwanken geriet, ging es weiterhin aufwärts. Sabine, die Tochter von Heinz, übernahm seine Anteile und zusammen mit ihrem Mann die Geschäftsleitung.
Heute hat die Firma Weyermann 190 Mitarbeiter. Vierzig von ihnen sind voll ausgebildete Brauer, Mälzer, Braumeister und Diplom-Ingenieure. Die Mälzerei Weyermann hat über 3000 Kunden in 135 Ländern weltweit, davon viele kleine bis mittelgroße Craft- und Handwerksbrauereien, die höchst individuell beliefert werden. Das Weyermann-Malz wird von Afrika bis Dänemark, von Taiwan bis Neuseeland beim Brauen von Bieren verwendet. Man produziert sogar koscheres Malz für das Bier frommer Juden und geschrotetes Malz für das Brennen von Whiskey.
Die Mälzerei Weyermann ist weltweit heute ein so großer Name, dass es sogar täglich Führungen durch die Fabrikanlagen gibt. Das historische Produktionsgebäude wurde bereits 1973 zum Industriedenkmal erklärt.