Union-Brauerei: Bremer Bierbrau-Tradition

Oktober 23, 2026

Wir starten den Rundgang durch die Brauerei. Die große Glasfront gibt den Blick frei auf den Raum, in dem sich Südhaus und, spannende Kombination, der Store befinden. Die 20-Hektoliter-Anlage ist als Zwei-Geräte-Sudhaus angelegt. Ungewöhnlich, aber laut Kristof ausreichend. Ursprünglich war die Anlage deutlich größer, 200 Hektoliter schätzungsweise. Doreen ist grade dabei, Maischebottich/Würzepfanne zu reinigen. Mit einer Edelstahlbürste an einem gefühlt drei Meter langen Stiel wird vorgereinigt, anschließend mit Lauge gespült. Die Anlage wird mit Wasserdampf beheizt und steht repräsentativ auf einem Podest mit breiter Treppe. Wir gehen in die oberen Stockwerke. Hinter den Kulissen ist sofort der Charme der Vergangenheit zu spüren. Alte Treppen, alte Türen, Backsteinwände, schummerige Beleuchtung. Kristof hält an und deutet auf eine Mauer. „Hier war ursprünglich eine kleine Tür, dahinter befand sich die Wohnung des Braumeisters. So konnte er immer auf kurzem Weg in die Brauei gelangen.“ Dass der Brauer früher vor Ort gewohnt hat, war nicht ungewöhnlich. Auch daran wird angeknüpft, in einigen Monaten wird Kristof hier eine Wohnung beziehen. Überhaupt ist das Konzept des Areals eine Mischnutzung. Nicht nur reine Brauerei, es werden im Gebäude drei Wohnungen entstehen für die Brauer und einen Hausmeister, des weiteren entstehen Büroflächen von 500 und 200 Quadratmetern, auch eine Tanzschule soll ins Hauptgebäude einziehen. Ein Teil des Geländes wurde verkauft, dort wird ein Mehrfamilienhaus mit elf Wohnungen gebaut, entlang der Straße wird es elf Reihenhäuser geben.

Die Remise, ein langgestricktes Gebäude mit acht Toren, in denen sich früher wohl Kutschen und Pferde, später der Fuhrpark befanden, ist noch im Originalzustand. Im Obergeschoss wohnten einst die Kutscher, auch ein Aufzug für den Heuboden ist noch sichtbar. Längerfristig wird auch dieses Gebäude renoviert werden. Einen Teil will die Brauerei als Lagerfläche nutzen, im Rest sollen Studentenwohnungen entstehen. Es wird zukünftig also viel Leben auf dem großen Gelände geben.

Im zweiten Stock der Brauerei befindet sich das Malzlager. Zahlreiche Sorten lagern auf diversen Paletten. An der Decke hängt an einer Laufschiene der Kran. Sechs Säcke kann die Trage aufnehmen. Muskelschmalz ist hier angesagt. Das Malz wird im Erdgeschoss durch eine Seitentür angeliefert, dann auf die Trage gelegt und vom Kran nach oben befördert. Im Schneckentempo, wie Kristof mir versichert. Dann wieder Muskelschmalz, um die Säcke auf die Paletten zu stapeln. In der Mitte des Malzlagers befindet sich ebenerdig der Trichter der Mühle. Immerhin das Befüllen ist also bequem zu erledigen. Wir gehen eine Etage tiefer zur Mühle. Über eine Schnecke wird das gemahlene Schrot direkt in den Maische-/Würzebottich befördert. „Man könnte natürlich noch einiges mehr automatisieren, beispielsweise die Hopfengaben, aber so geht es auch erstmal“, sagt Kristof. Hopfengabe bedeutet also Deckel öffnen, Pellets rein, Deckel schließen. Zum richtigen Zeitpunkt muss daher einer der Brauer vor Ort sein.

Nach dem Ende des Hopfenkochens wird in einen Whirlpool umgepumpt, anschließend geht es zur Kühlung durch einen Plattenwärmetauscher und weiter in einen der Gär- und Lagertanks. Dort wird die Hefe zugegeben. Doreen erklärt es mir: „Wir arbeiten mit Trockenhefe. Je nach Vitalität und Anzahl der Läufe wird der Hefestamm dann mehrmals wieder verwendet, bis neu angesetzt wird.“

Vier der 40-Hektoliter-Gär- und Lagertanks sind Bestandteil des architektonischen Gesamtkonzepts. Sie stehen neben dem Biergarten hinter einer durchgängigen Glasfront. Durch die blaue Beleuchtung wirken sie wie Teile eines Raumschiffes. Insgesamt stehen sieben Tanks mit 40 Hektolitern und drei mit 20 Hektolitern zur Verfügung. Anvisiert ist eine Produktion von 5000 Hektolitern pro Jahr.

Als nächstes sehen wir uns Lager und Abfüllanlage an. Man merkt: Vieles ist noch provisorisch. Statt Türen trennen Pastikplanen die Räume, an vielen Ecken sieht es noch nach Baustelle aus,
aber die Abläufe funktionieren. Besonders die Abfüllanlage sei hervorragend, erläutert Kristof. Er erklärt, wie etikettiert wird. Hier wird Kleber aufgestempelt, dort kommen die Etiketten drauf, und die Bürsten streichen sie dann glatt.

Kesselhaus der Union Brauerei in Bremen (Quelle: W. Loock für Union)

Kesselhaus der Union Brauerei in Bremen (Quelle: W. Loock für Union)

Auf zum nächsten Besichtigungspunkt:Raus aus dem Gebäude, ein Stück weiter wieder rein, dann mit dem Lastenfahrstuhl nach oben. Tempo: Ähnlich dem des Krans. Im vierten Stock öffnet Kristof eine Tür, und ich blicke in einen riesigen Saal. Komplett renoviert, mit wunderschönem Parkettboden. Über uns ist das Dachgebälk zu erkennen, darunter schweben wie Ufos zwei Dutzend Lampen, die den Saal hell erleuchten oder, heruntergedimmt, in eine heimelige Atmosphäre tauchen. Hier kann man locker mit 100 bis 150 Leuten feiern. Hochzeiten, Firmenfeiern, Abiball – für einen Raum dieser Größe gibt es zahlreiche Verwendungszwecke. Lüder Kastens möchte ihn gerne dauerhaft vermieten, es gibt auch schon Interessenten wie Theater. Für bestimmte Veranstaltungen soll er aber dennoch selbst genutzt werden können. Früher standen hier übrigens riesige Kühlschiffe. Große Fläche, wenig Höhe, um die Oberfläche größtmöglich zu halten. Durch Luken im Dach konnte der Dampf entweichen.

Man merkt, dass sich Kristof auf das Nächste besonders freut. Mehrmals erwähnte er während der Führung schon „ganz oben“. Da geht es jetzt hin. Erst über Treppen, dann über eine Leiter – irgendwann in der Vergangenheit ist ein Teil der Treppe beseitigt worden. Aber im Zuge der Renovierungsarbeiten wird wohl auch dieses Provisorium beseitigt werden. Gar nicht so einfach, mit Stativ und Kamera in der einen Hand die 20 Sprossen hochzusteigen. Oben führt eine schmale Treppe weiter, dann eine steile Stiege. Und nach Öffnen einer großen Metallluke stehen wir auf dem Dach. Eine Plattform gibt es hier, vielleicht acht Quadratmeter groß und von einem Geländer umgeben. Die Aussicht über Bremen ist phantastisch. Nur ein Mietshaus in der Ferne sowie der Fernseh- und der Kirchturm sind noch höher. Früher war das sicherlich der zweithöchste Punkt der Stadt. Genau weiß keiner, warum es die Plattform gibt. In der Mitte steht ein metallenes Relikt. Vielleicht war dort eine Drehreklame angebracht, zu deren Wartung man hochkommen musste. Vielleicht haben die Brauer sich auch einfach diesen Platz gegönnt, um die Aussicht zu genießen. Kristof erzählt: „Silvester hier oben, das war der Hammer. Wir standen mitten im Feuerwerk.“

Schließlich sind wir wieder Im Biergarten angelangt. Jana, Kristofs Freundin, gesellt sich mit einem provisorischen Abendessen zu uns. Sie ist zwar nicht in der Brauerei angestellt, erledigt aber dennoch einiges an Aufgaben an ihrem MacBook. Als gelernte Grafikerin zeichnet sie verantwortlich für die repräsentativen Schautafeln, die zum Beispiel den Brauprozess erklären oder übergroß im Vorraum die Biersorten anschaulich zu Gruppen zusammenfassen.

Ich spreche Kristof noch mal auf die zahlreichen Besucher an. „Viele Ältere kennen die Brauerei noch von Früher. Da kommen immer mal welche vorbei, die erzählen, dass sie hier früher gearbeitet haben. Das ist für uns natürlich spannend. Geschichtsunterricht live, sozusagen. Neulich war einer hier, der sagte, er hat noch ein altes Rezept.“ Kristofs Augen leuchten vor Begeisterung. „Das wollen wir auf jeden Fall einbrauen. Ist doch toll, sowas.“

Anschließend esse ich im Restaurant noch ein Wiener Schnitzel mit Kartoffel-Gurken-Salat. Dazu gibt es Apfelschorle, schließlich muss ich noch fahren. Aber Kristof drückt mir zum Abschied noch eine „Bremer Craft Probe“ in die Hand, ein Viererträger mit Kellerpils, Pale Ale, Porter und Hanseat 2.0, sowie ein paar weitere Flaschen.

Im Mai soll auch die 200-Liter-Versuchsanlage fertig sein. Dann komme ich noch mal wieder, um mir die Baufortschritte anzusehen und vor allem: Um mit Kristof und Doreen ein leckeres Bier zu brauen.

(Text und Titelfotos: Boris Georgiev für Craftbeer Magazin)

Shopping cart0
Es sind keine Produkte in deinem Warenkorb!
Continue shopping